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Dresden...up and down
Malerei von Jörn Diederichs
 
Einführung zur Eröffnung der Ausstellung im Oberlandesgericht Dresden am 04. Mai 2017
 
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
es geht also um Dresden in dieser Ausstellung. Aber Sie erleben keine Fortsetzung der Vedutenmalerei mit neuerem Anstrich und auch nicht Impressionen einer Stadt, wie es einer der Lehrer von Jörn Diederichs, nämlich Siegfried Klotz so treffend einzufangen wusste. Zudem steht nur ein einziger Ort, der Rathenauplatz an der altstadtseitigen Rampe der Carolabrücke im Mittelpunkt, und dieser ist nun wahrlich kein Brennpunkt des Tourismus, es sei denn ganz am Rande mit der Synagoge und der Überleitung zur Brühl´schen Terrasse.
 
 
Für die Bewohner dieser Stadt freilich ist der Rathenauplatz, oft ohne den Namen zu kennen, ein Brennpunkt, nämlich des Autoverkehrs vor allem im zweimal täglichen Berufsverkehr. Ein Platz aber, der genau deshalb gar keine Platzqualität besitzt und nur als funktionaler Verkehrsraum wahrgenommen wird.
Der belebte Platz, das Einfangen pulsierenden Lebens reizt die Künstler seit dem 19. Jahrhundert als eigenständiges Bildthema und dabei wird der sich entwickelnde moderne Straßenverkehr keineswegs negativ empfunden, sondern kann sogar als Zeichen für verkrustete Gegenwartsstrukturen sprengende Zukunftshoffnung aufgefasst werden wie im Futurismus.
Für Dresden haben sich im Unterschied zu den anderen Großstädten, allen voran Berlin, keine verkehrserfüllten Stadträume als prägende Themen ganz unabhängig von Künstler und Stilen eingebürgert; selten einmal kommen der Albertplatz, oder der Neustädter Markt vor. Wenn Platzräume, die von Verkehrsachsen durchzogen sind, geschildert werden, überwiegt dennoch die Raumdarstellung gegenüber der Bewegung.

Jörn Diederichs hat selbst eine Zeit lang in einem der Hochhäuser am Rathenauplatz gewohnt.
Es ist aber nicht der verkehrsreiche Platz an sich, welcher Anknüpfungspunkt für den Künstler ist, der z. B. auch schon den gegenüberliegenden Carolaplatz gemalt hat, sondern die beiden Skulpturen der alten 1892 bis  95 erbaut gewesenen Carolabrücke. Erst 1907 kamen die allegorischen Reiterfiguren der Elbe in Ruhe und der Elbe in Bewegung des Bildhauers Fritz Offermann hinzu, deren Sockel seit dem Ersatzneubau der Dr.-Rudolf-Friedrichs-Brücke 1967 bis  71 fast ganz in der Aufschüttung der neuen Brückenrampe verschwunden sind. Damit befinden sich zwei monumentale Reiterfiguren quasi zusammen mit den Autos in Bewegung. Diese gewaltigen Sandsteinfiguren also sind es, die in keinem der Bilder vom Rathenauplatz fehlen.
 
 
Jörn Diederichs selbst hat sich mit der künstlerischen Herkunft dieser späthistorischen Bildhauerarbeiten beschäftigt. Aber die grafischen Vorlagen der Darstellungen von Reiterkämpfen und Kämpfen der Seegötter aus der italienischen Hochrenaissance des 15. Jahrhunderts sind formal irrelevant für die Kunst in dieser Ausstellung. Jedoch sind die über das ruhige Wasser reitende Nereide und der Triton, der seine Keule in wilder Jagd über dem heftigen Wellengang schwingt, inhaltlicher Anstoß zur ganz speziellen Bildkomposition, ohne dass im fertigen Bild das Thema dieser Großskulpturen erkannt werden muss.
Zwar werden in „Flutallegorie weiblich" von 2011 und „Flutallegorie männlich" von 2011 die Nereide und der Triton in aller Ruhe mit allen skulpturalen Werten vorgeführt, aber entscheidender ist die Verbindung mit dem Autoverkehr der Großstadt in z. B. „Dresden pathetisch (1)" von 2009. Die statischen Gebilde entheben sich von ihren eigentlich festen Standorten und werden als Ursache bzw. Antreiber des Verkehrsflusses empfunden.
Besonders deutlich wird dies bei „Dresden  pathetisch (2)" von 2009, denn hier sind die einzelnen Kraftfahrzeuge vom Farbfluss aufgezehrt und nur der schwarze Triton mit seiner Keule ragt hervor. Die mythologische Darstellungsweise der Monumentalfiguren von 1907 ging schon damals an den Lebenswelten der Zeit vorbei;
 
 
Jörn Diederichs gelingt es, ohne dass der Betrachter seiner Bilder etwas zum Inhalt dieser Figuren wissen muss, dieselben zu neuen mythischen Figuren werden zu lassen, insbesondere wenn sich die Abbildung stärker im Bildganzen auflöst, wie im zuletzt erwähnten Bild und vor allem auch beim Plakatmotiv dieser Ausstellung. Die Figuren verkörpern so etwas großes Geheimnisvolles in und über dem Verkehrsgewimmel, sozusagen den Großstadtmythos.
Gerade bei den beiden Bildern von 2009 „Dresden pathetisch 1" und „...2" geht die Dynamik des Farbauftrages eine Verbindung mit den Reiterfiguren ein, welche auf den Fluchtpunkt des Bildes bzw. den Straßenzug entgegengesetzt von ihr abzielt. Der Farbauftrag mit breiten erkennbaren Pinselstrichen entspricht dieser Konstruktion. Nicht vereinzelte Farbflecken, sondern die Verzahnung der nebeneinandergesetzten Kleinflächen lässt eine Raumspannung entstehen. Damit ist der Gesamteindruck nicht unruhig, sondern spannungsvoll.
Zugleich handelt es sich um Farbräume, deren Konstruktion allein aus der Setzung der Farbflächen entsteht, d. h. wirklicher Malerei.
Diese bedient sich ganz überwiegend einer blauvioletten Palette mit wenigen, den natürlichen Gegebenheiten folgenden Grünakzenten. Der Eindruck ist nicht derjenige von Kälte, vielmehr wirken die Gemälde frisch und unbeschwert. Blau steht dabei auch für Träume, so dass der geschilderte Stadtraum innere Vorstellungen als Außenraum zur Wirkung bringt.
 

Genau dies ist der Unterschied zur Vedute, denn es geht eben nicht darum, einen konkreten Augenblick einfangen zu wollen.

In dem neunteiligen Bild „Dresden Zentrum" von 2012 verwendet der Künstler die eigentlich genau konstruierte Rundumperspektive für seine Malerei.
Wo sonst ein erhöhter Standpunkt z. B. die Bodenfläche der Laterne auf der Kuppel der Frauenkirche dazu dient, einen Rundumblick wiederzugeben, ist es hier zu ebener Erde die grüne Verkehrsinsel. Nicht nur der Wirbeleindruck, sondern vor allem auch die delikate Farbauswahl bestimmen den Bildcharakter.
Obwohl natürlich die konkrete Situation zu berücksichtigen ist, sind die beige-grauen, blauen, grünen und auch rosa Töne in Anordnung und Größenverhältnissen genau abgewogen, um einerseits eine bewegte Harmonie des Ganzen herzustellen und andererseits vor allem wieder den reitenden Triton als Mythenwesen des Stadtbetriebes ganz schwarz auftauchen zu lassen.

Das Spiel mit Perspektive bestimmt auch die sechs einzelnen Campusbilder der "Technischen Universität Dresden Exzellenz-Cluster", die zunächst ein wenig an naive Bildauffassungen erinnern könnten. Vor allem die Studenten in einem Institutsgebäude, die Straßenszene um ein Wohnheim- Hochhaus und die Straßenszene mit Grünfläche überraschen mit ihrer polyperspektivischen Bildkonstruktion. Insbesondere im letzteren Bild werden dadurch Kontraste deutlich, die sonst durchaus auch positiv gemeint sein können, hier aber kontrastiert die alte Frau am Rollator mit den kopflos Dahineilenden am anderen Straßenrand.
 
 
Wenn es dem Künstler um Menschen geht, die den Stadtraum mit Leben füllen, dann ändert sich die Farbpalette und warme, z. T. erdige Farben verdrängen und ersetzen Blau und Violett. Bei den Paraden und Menschansammlungen schwelgt Jörn Diederichs sozusagen in den Farbtöpfen, in denen nun wirklich sein ganz freier Pinselauftrag nur aus der Farbe selbst heraus ohne unterstützende Konstruktion erfolgt. Damit kann er Impressionen festhalten, aber zugleich mit expressiv ausgewählten Farben Emotionen hervorbringen oder Symbolik ausdrücken, wie beim Bild „Parade trifft Philipp Otto Runges Morgen" von 2015. Hier kommt wieder des Künstlers Beschäftigung mit der Kunstgeschichte zum Tragen - ohne fremde Anleihen. Und die wieder veränderte Farbauswahl mehr zum Blau-Violett, ist diesem „Sehnsuchtsaußenraum"  auch angemessen.
Malen rein mit der Farbe ist vielfältig möglich.
Jörn Diederichs hat seinen charakteristischen Umgang damit gefunden. Obwohl er gegenständlich arbeitet, besteht im Farbrythmus die Möglichkeit, neue, über den Gegenstand hinausweisende Wirkungen entstehen zu lassen.
Dazu aber gesteht uns allen diese Kunst den Genuss an der Farbschönheit uneingeschränkt zu.

 
 
Frank Schmidt
Texte